Festnahmen in Tunesien

Nach Tod Amris

Drei Festnahmen in Tunesien

Stand: 24.12.2016 14:05 Uhr

Nach dem Tod des mutmaßlichen Attentäters von Berlin, Anis Amri, melden tunesische Behörden die Festnahme dreier Verdächtiger. Es handelt sich um drei junge Männer im Alter zwischen 18 und 27 Jahren. Einer davon sei ein Neffe Amris, erklärt das tunesische Innenministerium. Er habe gestanden, dass er mit Amri auf einem verschlüsselten Weg über eine Nachrichtenapp in Kontakt gestanden habe.

Sein Onkel habe gewollt, dass er der Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Treue schwöre. Auch habe er ihm Geld geschickt, damit er ebenfalls nach Deutschland kommen könne. Zudem sagte der Neffe aus, sein Onkel sei der „Emir“ von oder Anführer einer Dschihadistengruppe in Deutschland gewesen. Auf SWR-Anfrage teilte die Bundesanwaltschaft mit, dass sie die Festnahmen nicht veranlasst habe.

Tunesier demonstrieren gegen Rücknahme von Dschihadisten
tagesschau 20:00 Uhr, 24.12.2016, Stefan Schaaf, ARD Madrid

80 ungeklärte Stunden

Das tunesische Innenministerium bezeichnete die drei Männer als eine Terrorzelle, die Sicherheitskräfte bereits am Freitag nahe der Stadt Kairouan ausgehoben hätten. Amris Familie lebt in der Gegend.

Sind die drei Festgenommenen eine erste Spur zu einem Unterstützer-Netzwerk Amris? Das ist nur eine der vielen ungeklärten Fragen rund um den Anschlag. Wie kam Amri von Berlin nach Italien? Montagabend bis Freitagfrüh – was hat er in diesen 80 Stunden gemacht, wer hat ihm womöglich bei seiner Flucht geholfen?

Passanten in Sesto San Giovanni | Bildquelle: dpa

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Passanten vor dem Provinzbahnhof von Sesto San Giovanni. Auf diesem Platz wurde Amri nach rund 80-stündiger Flucht erschossen.

Warum die Polizei so spät auf Amri kam

Fest steht, dass sich die Ermittler erst viele Stunden nach dem Anschlag überhaupt auf die Spur Amris begeben. Als tatverdächtig gilt zunächst ein junger Pakistaner, weil der sich in den Minuten nach dem Anschlag offenbar auffällig schnell durch die Berliner Innenstadt bewegt. Inzwischen hat der Mann gegenüber der „Welt am Sonntag“ seine Sicht der Dinge geschildert: Er habe seine U-Bahn erwischen wollen. Dabei sei er gerannt, als er eine Straße gequert habe. Daraufhin hätten ihn die Polizisten angehalten.

Auf Anis Amri kommen die Ermittler erst am Dienstag, weil sie in dem Lastwagen Ausweispapiere mit dessen Namen finden. Warum die Polizei die Papiere nicht viel früher entdeckt hat, begründet Polizeipräsident Klaus Kandt damit, dass „kriminaltechnische Standards“ hätten eingehalten werden müssen. Demnach sollten keine Geruchspuren verwischt werden, bevor nicht Spürhunde in der Fahrerkabine den Geruch des Attentäters aufgenommen hatten. Nach Informationen des „Spiegel“ wurde in dem Lkw inzwischen übrigens auch das Handy Amris gefunden. Die Auswertung dauert an.

Die Fahndung nach Amri wird offenbar erst in der Nacht zu Mittwoch ausgelöst. Wo sich Amri zu diesem Zeitpunkt aufhält, ist unklar. Am Donnerstagabend veröffentlicht der Fernsehsender RBB Bilder einer Überwachungskamera, die Amri am späten Montagabend – also nach der Tat – vor dem Moscheeverein „Fussilet 33“ im Berliner Stadtteil Moabit zeigen soll. Die Polizei ist sich inzwischen sicher, dass es sich dabei nicht um Amri handelt – der tatsächlich Gezeigte meldete sich mittlerweile bei den Behörden. Wie lange sich der Tunesier nach dem Anschlag also noch in Berlin aufhält, ist damit unklar.

Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht Fahndungsfotos des mutmaßlich tunesischen Verdächtigen Anis Amri © Bundeskriminalamt/dpa

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Mit diesen Fahndungsfotos suche das Bundeskriminalamt nach dem mittlerweile toten Anis Amri.

Über Frankreich nach Italien

Nach Angaben der Mailänder Polizei reist Amri am späten Donnerstag offenbar mit dem Zug aus dem französischen Chambéry zunächst nach Turin und dann weiter nach Mailand. Gegen 1.00 Uhr am Freitagfrüh sei er am dortigen Hauptbahnhof angekommen – und habe sich von dort in den Vorort Sesto San Giovanni begeben, wo er schließlich in die Kontrolle der Polizei gerät und erschossen wird. Wie er von Mailand nach Sesto San Giovanni kam, weiß man nicht.

Die Beamten hätten keine Hinweise gehabt, dass es sich bei dem Mann um den mutmaßlichen Attentäter von Berlin gehandelt habe, so der Mailänder Antiterrorchef Alberto Nobili. Amri habe sich lediglich auffällig verhalten und sei deshalb angehalten worden. Tatsächlich dauert es bis zum späten Freitagvormittag, bis die Meldung vom Tod Amris verbreitet wird.

Kontakte nach Spanien?

Was wollte Anis Amri in Mailand? Warum zog es ihn ausgerechnet nach Italien – also in jenes Land, in dem er 2011 nach seiner Flucht über das Mittelmeer gestrandet war und in dem er vier Jahre im Gefängnis gesessen haben soll? Ermittler halten es für denkbar, dass Amri aus der alten Zeit noch Kontakte in Italien hatte. Eine Theorie lautet, er habe sich möglicherweise aus Europa absetzen wollen – zum Beispiel nach Marokko. Ein Indiz: In der Nähe des Platzes, auf dem er erschossen wurde, fahren viele Fernbusse ab, auch Richtung Nordafrika. Konkrete Hinweise darauf, was Amri wirklich in Sesto San Giovanni suchte, gibt es bislang allerdings nicht.

Und ungewiss ist auch noch, wie er überhaupt von Berlin ins französische Chambéry kam. Die „Bild“ berichtete, am 20. Dezember – also einen Tag nach dem Attentat – solle aus einem Internet-Café in Emmerich (NRW) auf den Email-Account und das Facebook-Profil Amris zugegriffen worden sein. Eine Bestätigung dafür gibt es jedoch nicht. Am Samstag schrieb die französische Wochenzeitung „Journal de Dimanche“, Amri sei über Lyon nach Chambèry gereist – und habe dort auch schon sein Zugticket für Italien gekauft.

Behörden untersuchen mittlerweile aber auch mögliche Verbindungen Amris nach Spanien. Ermittler gingen Hinweisen aus Deutschland nach, dass Amri Kontakte nach Spanien gehabt habe, sagte Innenminister Juan Ignacio Zoido. „Wir prüfen alle möglichen Verbindungen (zwischen Amri) und unserem Land, zu allererst alle mit einer bestimmten Person“, so Zoido weiter.

Auf die Ermittler wartet über die Weihnachtstage also viel Arbeit.

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